“Auf den Dächern bin ich dem Himmel so nah”

Erika Mayr ist Stadtimkerin in Berlin. Sie hat die Earthbeat Foundation während unserer letzten Crowdfunding Kampagne tatkräftig unterstützt mit ihrem “Tresorhonig”. Seit 15 Jahren besitzt die studierte Gartenbauerin und ausgebildete Landschaftsgärtnerin eine Bar in der Hauptstadt. Und vor zehn Jahren entdeckte sie die urbane Imkerei für sich. Seitdem dreht sich bei ihr viel um Bienen und Honig.

Ihr Stadtbienenhonig wird immer beliebter, sie hat ein Stadthonigfest initiiert und 2012 ein Buch mit dem Titel “Stadtbienen” veröffentlicht. Wir haben Erika Mayr getroffen und mit ihr darüber gesprochen, was sie an der Imkerei glücklich macht und wie sie ihr Verhältnis zu den Bienen definiert.

Stadtimkerin
Foto by Frank Sorge

Earthbeat Foundation: In einem Interview hast Du gesagt, dass Du Menschen mit Deinem Honig glücklich machst. Was macht Dich an Deiner Arbeit als Stadtimkerin glücklich?

Erika Mayr: Es gibt in meinem Leben Momente, in denen ich die Parallelwelt, in der sich die Bienen hier bewegen, hautnah miterlebe. Dann darf ich einen Blick auf das Innerste der Natur werfen und sie in ihrer reinsten Form erleben. Auf den Dächern bin ich dem Himmel so nah, wie die Bienen als Luftwesen es sind. Ich sorge dafür, dass die Orte, an denen die Bienen stehen einen guten “vibe” (a distinctive emotional atmosphere) bekommen. Außerdem nehme ich meine Umwelt intensiver wahr, und zwar mit allen Sinnen. Wenn die Bäume blühen, kann ich sie schon von Weitem riechen – ungeachtet des Geruchs der Stadt.

Stadtimkerin Erika Mayr

Earthbeat Foundation: Im Moment ist das große Bienensterben in aller Munde. Bist Du deswegen auf die Bienen aufmerksam geworden?

Erika Mayr: Nein. Ich habe mich immer nach einer landwirtschaftlichen Tätigkeit gesehnt. Meine Arbeit als Gärtnerin genieße ich sehr. Die Gärten sind repräsentative Gärten. Es wird dort nichts geerntet. 2004 habe ich mit meinem Freund bei einem städtebaulichen Wettbewerb mitgemacht und wir hatten damals unseren Entwurf: “BEES – Urban beekeeping Industry” in Detroit eingereicht. 2006 besuchte ich einen alten Imker in Berlin und habe mich sofort in seine Bienenvölker verliebt. Es hat dann noch ein Jahr gedauert, bis ich mein erstes eigenes Bienenvolk bekam und den ersten Honig ernten durfte.

Earthbeat Foundation: Man könnte den Eindruck gewinnen, als ob Du ein richtiges Verhältnis zu den Bienen aufgebaut hast. In wieweit könnte man sagen, dass Du zum Bienenstock dazugehörst?

In unserer globalisierten und technisierten Welt gibt es keine wilden Honigbienenvölker mehr, die in den Wäldern leben. Bienenvölker (von der Art Apis mellifera) brauchen die Menschen, die ihnen Orte zum Leben geben – das sind Kisten und Kästen jeder Art, die man “Beuten” nennt – in denen sie wohnen, und Trachtpflanzen, die Nektar und Blütenstaub produzieren, wovon die Bienen sich ernähren.

Es gibt zwischen mir und meinen Bienenvölkern zum einen eine leibliche Beziehung, weil ich für Ihr Wohl sorge und sie mich mit ihrem Honig entlohnen. Zum anderen gibt es eine geistige Beziehung, da sie mich mit ihrer Lebensenergie und ihrer faszinierenden Überlebensstrategie beflügeln.

Foto by Silvia Conde

Earthbeat Foundation: Von einigen Naturschützern kommt die Kritik, dass man die Biene als Nutztier missbraucht. Wie siehst Du das?

Ich würde nicht von Missbrauch sprechen. Für mich geht es darum, eine Beziehung zu einem landwirtschaftlichen Nutztier aufzubauen und mich gleichzeitig zu hinterfragen: Wie begegne ich den Tieren auf Augenhöhe? Wann greife ich in ihren Rhythmus ein? Wie greife ich ein? Was ist für mich stimmig? Was gehört zu einer guten Pflege dazu? Wieviel Honig darf ich mir bei der Honigernte dafür nehmen? Es geht darum einen Weg mit-einander zu finden. Die Kunst besteht darin, eine zeitgemäße Art der Bienenhaltung zu entwickeln. Das geht nur, wenn man praktisch daran arbeitet.

Earthbeat Foundation: Kann man Bienen wirklich artgerecht halten? Wie sieht das aus im Vergleich mit anderen Nutztieren?

Bienen sind Hautflügler, sie gehören zur Ordnung der Insekten. Für uns Menschen ist es eine Herausforderung bei dieser Art von Tieren, die keinen Mund und keine Augen haben, zu erkennen, wann und warum es einigen Bienenvölkern am Stand besser geht als den anderen, obwohl sie dieselbe Pflege erhalten und denselben Flugradius zur Ernährung nutzen. Liegt es am „genetischen Material“ der Königin, an ihrer Herkunft, am Volkswissen, am Zusammenspiel aus Raum und Wärme, an den Standortbedingungen, an den Wetterbedingungen? Wenn die Tiere gesund sind, bereiten sie uns Freude und nur dann können sie guten Honig produzieren.

Earthbeat Foundation: Auch in der Honigproduktion gibt es große und kleine Betriebe. Wie muss ein moderner, nachhaltiger Imkereibetrieb heutzutage aussehen?

Imkereien sind landwirtschaftliche Betriebe, die in ihre Umwelt eingebettet sind. Sie unterliegen den Ansprüchen und Erwartungen derjenigen, die sie leiten. Es geht um das kluge Zusammenspiel, sich an einen Ort anzupassen und ihn auch nachhaltig zu nutzen. Es gibt keine einheitliche Regelung dafür, sondern ist individuell sehr verschieden. Kleine Imkereien im Stadtgebiet sind Standimkereien. Ihre Bienenvölker werden nicht bewegt. Grosse Imkereien, die viel Honig ernten möchten, transportieren ihre Bienenvölker zu den entsprechenden Trachtgebieten, weil nur dort ein Überschuss an Nektar vorhanden ist. Bleiben die Bienenvölker zu Hause, reicht das Nektarangebot oftmals nicht aus.

Für mich gehören Bienen in jeden Winkel der Welt. Es soll möglich sein, dass Bienenvölker überall leben können (und dass sie nicht von A nach B transportiert werden), weil sie genug Nahrung finden und sie jemanden haben, der sie pflegt. Denn dann entfachen sie ihre große Wirkung, bestäuben die Umgebung und sorgen so dafür, dass es mehr Früchte und Samen gibt. Sie sind ein Teil des Ökosystems und sorgen auch für das Überleben anderer Tiere, z.B. Vögel.

Earthbeat Foundation: Wir sehen die Bienen  vor allem als Schwarm-Tier. Beobachtest Du bei Deiner Arbeit Ansätze von Individualität?

Honigbienen leben in der Gemeinschaft als Superorganismus. Das heißt: es sind viele Individuen, die im Wesentlichen nach einer strengen Arbeitsteilung leben. Sie bilden eine Einheit, deren Fähigkeiten die Fähigkeiten des einzelnen Individuums ganz und gar übersteigen. Wenn man ihnen Raum gibt, entwickeln sie sich sehr unterschiedlich. Das liegt in ihrer Natur. Sie setzen auf Vielfalt beim Überleben. Individualität ist erkennbar in den Eigenschaften des Stocks, nicht des einzelnen Wesens. Eigenschaften von Bienenvölkern sind u.a. Vitalität, Fleiß, Sanftmut, Streitlust, Schwarmlust, Überwinterungsfähigkeit, Wetterfestigkeit…

Earthbeat Foundation: Wir leben in einer Welt, die von Urbanisierung und Globalisierung geprägt ist. Was bringt Dir diesbezüglich die Arbeit mit den Bienen und was denkst Du, kann uns die Biene für die Zukunft bringen?

Es ist der tief verankerte Wunsch nach dem WIR Gefühl, das uns trägt und gleichzeitig die Neigung zum Individualismus, die uns anzieht. Das Modell Superorganismus zeigt uns, dass die Wirkung von Individuen, wesentlich kleiner ist, wenn sie nach rein individuellen Vorstellungen handeln. Wenn man sich auf einen gemeinsamen Inhalt einigen kann und als Individuum zurücktritt und sich für die Sache an sich einsetzt, dann wird das Ergebnis weitaus mehr sein als die Summe der Einzelteile.

Earthbeat Foundation: In Griechenland, wo der Honig einen kulturell sehr hohen Stellenwert einnimmt, spielt er auch eine wichtige Rolle als Gesundheits- und Heilprodukt. Welche Vorzüge hat Honig gegenüber Kristallzucker oder selbst unbehandelten Rohrzucker?

Honig besteht aus verschiedenen Zuckerarten. Es sind vor allem Trauben- und Fruchtzuckerarten, die dem Körper langsam Energie abgeben. Deswegen wirkt ein Löffel Honig beruhigend auf den Körper, während dieselbe Menge an Kristallzucker anregend wirkt. Honig wird immer in kleinen Mengen verzehrt, er macht nicht süchtig. Was den Honig für uns gesund macht, sind die körpereigenen Enzyme, die Bienen dem Honig zusetzen. Sie sind hitzeempfindlich. Deswegen darf Honig nicht über 37 Grad Celsius erhitzt werden. Außerdem sind sie UV empfindlich. Honig lagert man am besten im Schrank.

Foto by Roland Gockel

Earthbeat Foundation: Viele Menschen haben begonnen, sich Sorgen zu machen um die Bienen. Auch unter anderen Insekten gehen die Populationen stark zurück. Sprich: Es gibt viele Negativnachrichten und es werden Horrorszenarien gemalt von einer Welt, in der wir kein Obst und Gemüse mehr haben. Muss es aus Deiner Sicht überhaupt so weit kommen? Was können Verbraucher tun?

Die Agrarindustrie handelt in erster Linie aus finanziellem Interesse und nicht aus Interesse an Landschaftspflege. Das führt dazu, dass auf die Insektenwelt, sprich auch auf die Bienen(welt), keine Rücksicht genommen wird. Es werden nach wie vor Gifte ausgebracht, die den Bienen schaden, es gibt nach wie vor zu wenig abwechslungsreiche Bienenweide.

Als Verbraucher können wir immer wieder das Verbot vom Einsatz der Pflanzenschutzmittel in der Landschaft fordern und zugleich ökologischen Landbau unterstützen, denn er verzichtet auf den Einsatz von Giften und fördert die biologische Vielfalt. Der globale Bienenhandel verbreitet Schaderreger und Parasiten. Diese schaden den (lokalen) Bienenrassen. Als Verbraucher kann man lokale Imkerei unterstützen, indem man Honig direkt beim Imker kauft bzw. aktiv für mehr Bienenweide sorgt: Bäume pflanzt, die Nektar tragen und Blumen sät, die eine einfache Blüte haben. Bienen werden immer einen Weg finden, nicht auszusterben. Uns Menschen würden die Bienen sehr fehlen, weil sie die Poesie der Landwirtschaft sind.

Earthbeat Foundation: Vielen Dank für das Interview!

(Bilder mit freundlicher Genehmigung von Erika Mayr)